Aktuelles

In dieser Rubrik schreibe ich gelegentlich, wenn mir etwas in den Sinn kommt.

Viel Spaß beim Lesen!

12.01. Konstantin Wecker schreibt

 

Zur Flüchtlingskrise und den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht hat sich Konstantin Wecker auf Facebook geäußert. Ich hätte keine anderen Worte finden wollen und gebe daher den Wortlaut hier wieder:

 

Liebe Freunde,
eigentlich hatte ich vor, mich bis Anfang Februar zurückzuziehen, um mein neues Buch fertig zu stellen.
Nun zwingen mich die Nachwehen der Kölner Silvesternacht doch noch zu einer kurzen Stellungnahme.
Die Politillustrierte „Focus“ hat ein Titelbild veröffentlicht, das einem den Atem raubt. Man denkt sofort an eine Werbebroschüre des Ku-Klux-Klan und kann es nicht fassen, dass so etwas im aufgeklärten Deutschland möglich ist.
Die abfärbenden Hände eines Schwarzen betatschen eine blonde, weißhäutige, unbekleidete Frau - die Botschaft für alle offiziellen und latenten Rassisten soll wohl heißen: Notgeiler Neger vergreift sich an schöner, blonder, reinrassiger Deutscher Frau. 
Dieter Hildebrandt fand schon 2007 in einem Gespräch mit „Cicero“ den „Journalismus von Focus unerträglich“. Dieser großartige Mensch und Mahner fehlt mir dieser Tage mehr als je zuvor. Denn jetzt ist „unerträglich“ nicht mehr der passende Ausdruck. Das Blatt muss boykottiert werden.
Zu Recht hat die Grünen-Vorsitzende Simone Peter beim Deutschen Presserat eine Beschwerde eingereicht.
„Kann man nicht über sexualisierte Gewalt an Frauen berichten, ohne dabei auf frauenverachtende Weise altbekannte Vorurteile zu bedienen und durch rassistische Bilder Rechtspopulismus und rechte Hetze zu verstärken?“, schreibt sie auf Facebook.
Und genau das ist der springende Punkt derzeit.
Als Münchner bekommt man Jahr für Jahr zum Oktoberfest sexuelle Übergriffe, versuchte Vergewaltigungen, tatsächliche Vergewaltigungen in kurzen Zeitungsnotizen serviert. Zwei Vergewaltigungen, jede Menge sexueller Übergriffe und das trotz über 2000 Polizeieinsätzen – gerade mal dreieinhalb Monate ist das her. Keine große Aufregung in den Medien, keine Rufe nach Gesetzesänderung von unseren Spitzenpolitikern. Man könnte sich ja das Millionengeschäft mit dem Bier verderben.
Ob zu Hause, Oktoberfest, Schützenfeste, Partys - die Frauenhäuser jedenfalls sind voll von gedemütigten, verprügelten und misshandelten Frauen. Wohlgemerkt von einheimischen Tätern. War das jemals ein Thema? 
Geradezu unerträglich ist es, sich anhören zu müssen, wie Rassisten plötzlich zu Frauenrechtlern mutieren. Wie der „Feminist“ G.W Bush damals bei seinem Kriegseintritt in Afghanistan.
Die BILD-Berichterstatterin Alice Schwarzer nennt die Vorfälle „das Produkt einer falschen Toleranz“. Warum geht sie, als bekannte Feministin, nicht auf die wirklichen Ursachen sexistischer Übergriffe ein? Ich halte diese Aussage, gerade Toleranz sei das Schädliche, für höchst gefährlich. Sie steht in der Tradition eines beispiellosen Feldzugs gegen die Grundwerte: Willkommenskultur, Mitgefühl, Verständnis, gar die Güte oder das Gute selbst werden kaum mehr anders als herabsetzend und ironisierend gebraucht. Auch Toleranz gehört in diese Reihe. Das Wort soll durch fortdauernden Propagandabeschuss zum Unwort umgedeutet werden. 
Sexuelle Gewalt ist keine Frage der Religion, der Hautfarbe, der Gene – sie ist fester Bestandteil des Patriachats. Aber dies zu kritisieren kommt in unserem System einer Gotteslästerung gleich.
Lasst mich eine junge Kollegin zitieren zum Schluss, die Liedermacherin Sarah Lesch. Sie schreibt am Ende eines sehr persönlichen und berührenden Beitrags auf Facebook:
„Was machen wir nun mit den ganzen Sexisten in unserem Land und mit den frauenfeindlichen Gewalttätern und Täterinnen? Was mit den männerfeindlichen?
Lehrer, Pfarrer, Vorstände, Väter, Mütter, Pädagogen und Pädagoginnen? 
Politiker und Politikerinnen? Diskothekenbetreiber und Motorradclubs? 
Kann man die auch ‚abschieben‘ bitte?
Was machen wir mit frauenverachtenden Studentenverbindungen und sexistischen Professoren, Glaubensgemeinschaften, Arbeitgebern oder Stammtischgesellschaften? (…) Was mache ich mit einem Mann, der mich sexuell belästigt und dem ich einen Job gegeben habe? Was mit einem, der mir einen Job gegeben hat?
Was machen wir mit den ganzen deutschen und ‚ausländischen‘ Männern und Frauen, die sich ‚lustige‘ Videoclips auf ihren Smartphones zuschicken, in denen sexuelle Gewalt verherrlicht wird? (…)
Ihr wollt anfangen, ‚unser Land‘ aufzuräumen?
Na dann los! ES GIBT VIEL ZU TUN! 
Fangt mal bei euch selbst an!

P.S:
Immer wieder sollten wir die großartige, mutige und bewundernswerte Hannah Arendt lesen:
„Der Verlust der Menschenrechte findet nicht dann statt, wenn dieses oder jenes Recht, das gewöhnlich unter die Menschenrechte gezählt wird, verlorengeht, sondern nur wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür ist, dass seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind.“
Arendt, Hannah – „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, S. 612 f.

 

24.09.2015 Mein Brief an den Bürgermeister von Haselünne und den Schulleiter des Gymnasiums

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schräer,

 

Sehr geehrter Herr Schlee-Schüler,

 

darf ich mich Ihnen kurz vorstellen? Ich war Schüler des Gymnasiums St. Ursula bis 1996. Ich habe mich seinerzeit als Klassensprecher, Jahrgangssprecher und Schülersprecher engagiert und sang all die Jahre im Chor von Roland Reeh. Zum Halbjahr der 12. Klasse musste ich die Schule aus familiären Gründen verlassen und machte 1997 am Gymnasium Johanneum in Lingen Abitur und studierte später in Bremen Jura.

 

Warum schreibe ich Ihnen nun? Ich bin Anfang des Monats nach langer Zeit mal wieder in Haselünne gewesen und habe mir auf dem Weg dorthin die Frage gestellt, welche positiven Erinnerungen ich an das Gymnasium St. Ursula habe. Mir sind dabei sehr viele Sachen eingefallen. Aus der Distanz der vielen Jahre kristallisierten sich aber zwei Dinge ganz besonders heraus: die erstaunlich große Bereitschaft zur Ökumene, was ich (damals noch Protestant) Pädagogen wie Herrn Gotzhein, Frau Keuter und den Herren Thom und Haible hoch anrechne. Sie ermahnten uns zu eigenen Gedanken und wurden somit prägende Figuren unser aller Entwicklung.

Der zweite Punkt war die Bibliothek. Uns wurde seinerzeit die Wertschätzung von Büchern und der ungehinderte Zugang zu Bildung in prägender und wertschätzender Weise nahegebracht. Die Vergangenheit der Schule als NAPOLA sowie einprägsame Bilder von Bücherverbrennungen in der NS-Zeit mahnten uns, die Möglichkeiten die sich uns boten, zu nutzen und als Chance zu begreifen. Natürlich wurde auch damals der Bogen zu modernen Medien geschlagen. Im Unterricht bei Wolfram Hamacher hörte ich erstmals vom Internet.

Nachdem ich die Schule gewechselt hatte, vermisste ich die Bibliothek schmerzlich und habe in all diesen Jahren mit Freude von den ungezählten Stunden berichtet, die wir dort gemeinsam oder alleine in Bücher versunken verbracht haben.

 

Worauf will ich hinaus?

Mit Schrecken habe ich nun festgestellt, dass Sie die Bibliothek aufgelöst haben. Weitere Recherchen ergaben, dass nur ein Teil der Bücher zukünftig in einem kleineren ehemaligen Musikraum gelagert wird und alles andere weggeworfen wurde.

Sie mögen dafür Gründe haben, die ich nicht kenne. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass Sie eine Chance versäumt haben, den Schülern einen Bogen zu schlagen vom traditionellen Buch zum Internet der heutigen Zeit.

Auch ich bin ein internetaffiner Mensch mit Smartphone, Tablet, eigener Homepage, Facebook-Profil und der Sorge, im Urlaub von Roaming-Gebühren aufgefressen zu werden. Meinen -wie ich finde- verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet verdanke ich auch der Tatsache, dass fähige Pädagogen mir die Wertschätzung eigener Recherche im klassischen Buch beigebracht haben. Es gibt so gute Konzepte für moderne Bibliotheken, die neue und traditionelle Möglichkeiten unter einem Dach vereinen. Jede Stadtbibliothek in größeren Städten führt den Beweis jeden Tag. Schade, dass Sie bei einem derart tollen Startkapital hierin keine Chance gesehen haben, Ihren Schülern einen Mehrwert zu bieten, der Ihre Schule von all den anderen unterschieden hätte. Dem Gymnasium, das ich seinerzeit besuchte, waren solche Alleinstellungsmerkmale wichtig.

 

Es ist zutiefst bedauerlich, dass sich bei Ihnen heute -20 Jahre später- niemand dieser Verantwortung gestellt hat.

 

Was ist aus den Buch- und Dokumentenbeständen aus der NAPOLA geworden? Diese sind jahrelang in einem separaten Raum gelagert gewesen. Ist sichergestellt, dass dieser historische Bestand an einem sicheren Ort verwahrt wird und als Einheit zu Forschungszwecken zugänglich bleibt?

 

Ich sende diesen Brief auch an Sie, Herr Bürgermeister. Die Bibliothek wurde im Aufbau durch erhebliche städtische Mittel unterstützt. Die Bürgervertretungen sollten wissen, was aus Ihren Geldern geworden ist.

 

Über Facebook verfolgte ich übrigens Zeitungsartikel, die Ihren Altbau zum Inhalt hatten und den Renovierungsrückstand. Sogar über einen Abriss wurde spekuliert. Ich hoffe, dass Sie sich wenigstens in diesem Punkt angemessen für den Erhalt der historischen Substanz Haselünner (Bildungs-) Geschichte einsetzen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Michael Woltmann

 

Siehe hierzu auch diesen Link!

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© Michael Woltmann