Kurierschach

Darstellung des Kurierspiels auf einem Gemälde Lucas van Leydens (um 1508)

Neben dem bekannten Schach interessiere ich mich auch für das Kurierschach. Das ist eine historische Schachvariante, die auf einem verbreiterten Schachbrett von 12 mal 8 Feldern gespielt wurde. Zu den bekannten Schachfiguren kamen mehrere zusätzliche Figuren hinzu, darunter der Kurier, welcher dem Spiel seinen Namen gab.

Das erstmals um 1210 erwähnte Spiel war im deutschsprachigen Raum und den Niederlanden im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit recht verbreitet. Davon zeugt auch das Bild des Malers Lucas van Leyden (s.o.) vom Beginn des 16. Jahrhunderts, das sich in der Berliner Gemäldegalerie befindet. Es stellt eine vom Schach nur bei näherem Hinsehen zu unterscheidende − und deshalb als „Schachpartie“ bezeichnete − Szene dar.

Besonders wurde das Kurierspiel in dem Dorf Ströbeck gepflegt, und zwar neben dem in Ströbeck mit etwas abgewandelten Regeln gespielten Schach. Auf der Rückseite des Schachbretts, das der Große Kurfürst den Ströbeckern im Jahr 1651 schenkte, ist ein Kurierspielfeld eingearbeitet.

Das Brettspiel hat seinen Namen von einer besonderen Spielfigur, dem Kurier (von lateinisch currere = laufen), welcher nach der langschrittigen Zugweise des späteren Läufers zog. Bei der Umwandlung des mittelalterlichen Alfil, der diagonal ins übernächste Feld sprang, zum Läufer im Zuge der Reform des Schachspiels hat der Kurier vermutlich als Vorbild gedient. Eine Figur, die dem Läufer entspricht, ist daneben aus einer anderen mittelalterlichen Schachvariante, dem Grande Acedrex, bekannt. In jedem Fall ist es naheliegend, den Kurier mit der deutschen Bezeichnung der neuen Schachfigur in Zusammenhang zu bringen.

Das Kurierspiel mit seinen neuen Figuren war eine Frühform des Märchenschachs. Es stellte eine Alternative zum mittelalterlichen Schachspiel dar, das teilweise als etwas schwerfällig empfunden wurde. Das Interesse an dem Spiel ging anscheinend zurück, nachdem der Übergang zum modernen Schach erfolgt war. Eine Ausnahme war das Dorf Ströbeck, wo es nicht mehr häufig, aber nachweislich noch im Jahr 1885 gespielt wurde.

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© Michael Woltmann