Fischers Tisch und weitere Möbel

Im Jahr 1972, mitten im kalten Krieg, besiegte der Amerikaner Bobby Fischer seinen russischen Kontrahenten Spasski im Match um die Weltmeisterschaft. Wie bei einigen Weltmeisterschaften vorher und nachher, war für dieses Match eigens ein Tisch angefertigt worden. Der Auftrag ging damals an den isländischen Möbeldesigner Gunnar Magnússon. Von diesem Tisch sind seinerzeit 3 Exemplare gefertigt worden, die seither, bis auf das tatsächlich bzw. hauptsächlich eingesetzte Exemplar (das befindet sich im Museum in Reykjavik), regelmäßig für fürchterliche Summen weiterverkauft werden. Zuletzt sind für einen dieser Tische, der in nur einer Partie zum Einsatz kam, 250.000 Euro verlangt worden (siehe hier). Leider war meine Portokasse gerade nicht entsprechend gefüllt.

1996 waren die Veranstalter der WM zwischen Karpov und Kamsky sehr stolz auf "Ihren" Schachtisch, der in Elista in Kalmückien, dem Austragungsorst angefertigt wurde. Was aus diesem Tisch wurde, ist mir leider nicht bekannt.

Ab jetzt ergab sich aber ein Problem. Die Firma DGT hatte ein Schachbrett entwickelt, daß die gespielten Züge selbständig ins Internet übertragen kann. Grundsätzlich ist das eine segensreiche Erfindung. Schach kann seither überall auf der Welt verfolgt werden - in Echtzeit!

Nur leider hat sich mit dem Aufkommen dieser Bretter eine Tradition quasi erledigt. Da die Bretter Standard geworden sind, schert sich keiner mehr wirklich um den Tisch. Das finde ich wirklich schade, denn die Erhabenheit und Ästhtik des Schachspiels, welches alle paar Jahre in den Kampf um die Krone mündet kommt dadurch etwas kurz.

Wirklich skuril wurde diese Entwicklung vor 2 Jahren. Bei der WM 2010 zwischen Anand und Topalov in Sofia wurde alles hübsch organisiert. Gespielt wurde im Militärclub in Sofia - eine nette Kulisse. Bei der Inspektion des Spielsaals durch die beiden Teams fiel dem Team Anand auf, daß das DGT-Brett auf einem kippeligen kleinen Tisch lag. Man protestierte und es wurde eilig ein angemesseneres Möbelstück gesucht.

Bei der WM 2012 geschah nichts dergleichen. Der Tisch war sehr geeignet - aber schön? Man trug die WM in der Moskauer Tretjakow-Galerie aus. Die Kombination aus Schach und Kunst wurde eindrucksvoll inszeniert. Aber der Tisch? Es war einer jener zahlreichen Tische aus dem Moskauer Zentralschachklub. Man sieht ihn auf dem Bild bei der Inspektion vor dem Match durch Anand und seinen Herausforderer Gelfand. Man hat diese Tische so gefertigt, daß das DGT-Brett eingelassen ist. Aber es gibt zahlreiche dieser Tische. Sie werden bei allen großen Turnieren in Moskau eingesetzt - beim jährlichen Tal-Memorial oder der russischen Meisterschaft.

Wahrscheinlich steht dieser Tisch längst wieder zwischen all den anderen - sehr, sehr schade, wie ich finde!

Update 28.03.2013:

Beim Kandidatenturnier in London werden eigens angefertigte Tische und Schachfiguren verwendet! Bilder findet man hier.

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© Michael Woltmann