Großmeister Herbert Ahues

11.04.2013 Der alte Mann und das Matt

Im Mai 2013 findet in Bremen die Deutsche Meisterschaft im Lösen von Schachproblemen statt. Diese Meisterschaft veranlasste mich, die Materie näher kennenzulernen.
Einige Recherchen im Internet brachten merkwürdig anmutende Diagrammstellungen zum Vorschein und mit ihnen ein Genre, das sich möglicherweise den Menschen erst auf den zweiten oder gar dritten Blick erschließt. Vielen womöglich nie.

Schachprobleme haben mit Partiestellungen nicht viel zu tun. Daher sind sie oft nicht leicht zu lösen. Der an Strukturen gewöhnte Mensch findet sich nur schwer zurecht, wenn Könige auf vollen Brettern in der Mitte herumstehen, bei teilweise merkwürdiger Materialverteilung. Mit der Zeit konnte ich mich aber mit den orthodoxen Problemen anfreunden. Endspielstudien oder Mattforderungen in 2 oder 3 Zügen empfand ich langsam aber sicher als Herausforderung.

Mehr durch einen Zufall wurde ich vor einiger Zeit auf Herbert Ahues aufmerksam. Herbert Ahues ist 91 Jahre alt, lebt in Bremen und ist Großmeister der Schachkomposition. Ich nahm Kontakt zu ihm auf und lud ihn zu einem Vortrag ein. Diesen sagte er zu, musste aber wegen seines nachlassenden Gehörs einen Rückzieher machen. Stattdessen lud er mich ein, ihn zu besuchen. Dieser Einladung bin ich nun gefolgt.
Herbert Ahues wohnt im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses ohne Fahrstuhl. Er lebt seit seiner Scheidung in den 70er Jahren allein. Als er die Tür öffnet, bemerke ich, dass er auch gut 20 Jahre jünger sein könnte. Er lächelt und bittet mich in eine aufgeräumte Wohnung, in der er alle Mühen des Alltags noch selbst bewältigt.

Wir kommen ins Gespräch. Alt werden, so sagt er, sei ein zweischneidiges Schwert. Vor zwei Jahren gab er seinen Führerschein ab. Er wollte nicht warten, bis man ihm das empfiehlt. Alle Einkäufe erledigt er seither zu Fuß, gelegentlich mit einer kleinen Karre.

Herbert Ahues erzählt sehr offen aus seinem Leben. Er ist der Sohn eines  Schachprofis. Carl Ahues versuchte seine Familie auf den 64 Feldern zu ernähren. Durch Arbeitslosigkeit hatte er keine andere Wahl. 1929 wurde er Deutscher
Meister und spielte gegen die ganz Großen. Sein höchster historischer Elowert liegt bei 2651. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges wurden deutsche Spieler zu den großen Turnieren nicht mehr eingeladen. Er hielt sich und die Seinen mit Schachecken in Zeitungen und Radiosendungen über Wasser.

Herbert Ahues wird im Krieg verwundet, was ihm wegen der dadurch notwendigen Heimreise wohl das Leben rettet. Seine Einheit wird ausgelöscht. Er zieht nach Bremen und wird hier Lehrer. Sein Vater hatte sich gewünscht, dass Herbert einen soliden Beruf erlernt. Als er sich zunehmend für die Schachkomposition interessiert, ist Carl erleichtert, denn davon könne man keinesfalls leben. Dennoch verschickte Herbert seine Aufgaben an Zeitungen in der ganzen Republik. Zu jener Zeit hatte jede anständige Zeitung eine Schachecke und zahlte 5 bis 10 Mark je Aufgabe. Für den jungen Herbert war das ein nettes Zubrot.

Bis heute komponiert Herbert Ahues regelmäßig. Er ist einer der erfolgreichsten Komponisten von 2-Zügern weltweit. 4000 Probleme hat er erschaffen und es werden noch immer mehr. Um die 1000 Preise und Auszeichnungen hat er bekommen. Er ist einer von nur 47 Menschen weltweit, die den Titel „Großmeister der Schachkomposition“ tragen.

Auf DIN A5 Papier lässt er sich Diagramme in einer Druckerei drucken und stempelt die Figuren darauf. Von Computern hat er gehört und ist sehr interessiert an meinem Laptop. Wir schauen uns gemeinsam die Internetseite des Landesschachbundes an. Ich zeige ihm die Möglichkeit, Diagramme mit Fritz zu erstellen. Er ist begeistert, will sich aber keinen Computer mehr anschaffen. Er versendet noch regelmäßig seine Aufgaben. Durch das Aussterben der Schachecken in Tageszeitungen erscheinen seine Aufgaben vorwiegend in der Schwalbe, Rochade oder der Zeitschrift Schach. Aber auch in der Heilbronner Stimme, einer Tageszeitung mit traditioneller Schachecke, kann man seine Werke gelegentlich finden. Von den Rätseln im Weser-Kurier hält er nichts. Billiger Ramsch sei das, ohne Angabe des Komponisten. Der schämt sich wohl, meint er.

Herbert Ahues hat ein Buch geschrieben. Es erschien sogar in in zwei überarbeiteten Versionen. Offiziell ist es vergriffen. Er nennt mir eine Quelle, wo ich dieses Buch noch bekommen könne. Ich bitte darum, wiederkommen zu dürfen, um es signieren zu lassen. Er lacht und sagt: „Beeilen Sie sich, junger Mann. Man weiß ja nie!“

Ich kenne etliche Schachspieler. Und nicht jeder Großmeister ist ein großer Meister. Herbert Ahues erscheint mir warmherzig. Er trägt seinen Titel mit Würde ohne auch nur einen Hauch von Arroganz. Es war mir Vergnügen und Ehre zugleich, ihn an jenem Nachmittag kennenzulernen.

 

Hier eine Partie von Herberts Vater Carl:

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© Michael Woltmann