Internet und Schach

Hier ein paar grundsätzliche Gedanken zum Schach im Internet:

Es ist Montag Abend. 19:15 Uhr. Es steht vor mir, mit all seiner Eleganz. Das wunderschöne braune Holz, der Lack, die kleinen 32 Figuren. Ich bin etwas nervös. Und ich freue mich auf die nächsten Stunden. Ich werde sie alleine verbringen, alleine inmitten eines großen Saals mit 50 anderen Menschen. Der Geruch des frisch geschliffenen Parketts steigt mir in die Nase. Ich überlege, ob es störend ist, freue mich dann aber über das gepflegte Ambiente. Die roten Vorhänge, das Holz, die Fenster, der Blick auf die Weser. Es ist angenehm, es ist hanseatisch, es sind die Weserterrassen in Bremen.

Den ganzen Tag schon bin ich unruhig und fröhlich zugleich. Ich denke an das, was mir bevorsteht.

Es ist Herbst 2014. Draußen ist es dunkel und kalt. Ich stehe vor einer Partie Schach. Es ist Vereinsmeisterschaft. Mein Gegner heißt Matthias, ein angenehmer Mensch. Ich kenne ihn kaum, aber er ist mir sympathisch. Es wird schwer gegen ihn. Letztes Jahr habe ich verloren. Aber nervös wäre ich sowieso, und Freude würde ich auch empfinden. Wir werden einige Stunden in Gesellschaft und dennoch ganz alleine sein. Das mag ich am Schach. Unsere Gehirne kämpfen, ich strenge mich an aber ich schweige und genieße ganz für mich allein. Mir ist das wichtig. Ein mal in der Woche möchte ich in Gesellschaft ganz alleine sein und dieses geliebte Spiel spielen.

Ich werde diese Partie wieder verlieren. Ich war am Drücker. Ich hatte meine Chance. Ich habe geschwitzt, gelitten, meinen Kampfgeist gezügelt, mich im Griff gehabt und dennoch verloren. Ich reiche meinem Gegner die Hand zur Aufgabe. Wir tauschen ein paar Gedanken aus. Wir beide freuen uns auf die nächste Partie. Ich respektiere ihn und er mich. Niemals würde ich dieses Spiel am Brett eintauschen gegen etwas anderes. Nie würde ich auf diese Möglichkeit sich gegenüber zu sitzen verzichten wollen.

 

Es ist Donnerstag kurz vor Weihnachten. Ich habe beruflich saumäßigen Stress. Es läuft nicht alles rund. Der Chef hat eben angerufen. Ich eile los, schnell zum nächsten Kunden.

Heute hat meine Frau das Auto. Die Kinder müssen zum Arzt. Das ist mit einem Auto leichter. Ich fahre also mit Bus und Straßenbahn. Hey, es ist Bremen, ein Dorf mit Bahn. Ich muss vom Büro in die Innenstadt. 20 Minuten mit Linie 2. Ich steige ein, die Bahn ist ziemlich leer aber sie stinkt. Auf dem Boden liegt eine alte Bierdose. Sie ist ausgelaufen. Es scheint, als wäre sie dem schlafenden Typen gegenüber aus der Hand gefallen. Ekelig.

Ich setze mich in eine Ecke und greife zum Smartphone. Ich sehne mich nach ein paar Minuten Zerstreuung und logge mich auf dem Server ein. Sofort habe ich einen passenden Gegner und die weißen Steine. Mein Gott, kriegt der auf die Fresse. Londoner-System und Schwarz spielt Lf5. In einem wüsten Mattangriff schiebe ich meinen Gegner zusammen. Das tat gut. Die Tür geht auf, frische Luft kommt rein. Ich steige aus und gehe zum Kunden. Ich rufe den Chef an – hat alles geklappt. Weiter geht’s.

 

Es ist Anfang Januar 2015. Mein Verein hat einen eigenen Raum auf dem Server. Ich treffe mich online mit meinem Freund Kurt. Es ist 20.00 Uhr. Die Kinder sind im Bett. Im Fernsehen läuft nichts. Wir blitzen ein paar Partien. Wir schicken uns noch ein paar Grüße, dann schalten wir aus und freuen uns auf Montag. Wir sehen uns dann im Verein. Es wird wieder ernst, am Brett aus Holz in gediegenem Ambiente. Bei der Bremer Schachgesellschaft von 1877. Das Motto des Vereins lautet:

 

"Tradition ist nicht

das Halten der Asche,

sondern das Weitergeben

der Flamme."

 

Liebe Schachfreunde, das Internet ist nicht das Medium der Zukunft. Es ist die Gegenwart. Das Internet wartet nicht auf uns Schachspieler. Viele von uns sind längst da. Es ist nicht die Aufgabe von Funktionären, Schach im Internet als Bedrohung zu empfinden. Unsere Aufgabe ist Angebote zu entwickeln, die den Verein interessant machen. Nichts kann das Geschehen an einem echten Brett ersetzen. Aber vieles kann dieses Erleben ergänzen. Ich verzichte auf nichts. Ich nutze alles im Netz. Über den PC und auch mobil. Schach ist ein wichtiger Lebensinhalt für mich, in jeder Variante. Aber ich nutze auch meinen Verein. Er schenkt mir viele schöne Stunden, immer wieder.

Wir Funktionäre müssen Schach zu einem Erlebnis machen, für das es sich lohnt die Wohnung zu verlassen. Und wir müssen Angebote machen, wie man sich mit uns auch zu Hause und unterwegs wohlfühlt. Wir beim Schach können das! Internetserver können immer dabei sein. Andere Hobbys können das nicht. Oder haben Sie schon mal gesehen, dass ein Ruderer auf dem Server rudert?

 

Wir haben einen riesigen Wettbewerbsvorteil! Schach geht überall! Technik ist keine Bedrohung. Sie ist eine Chance viel enger mit unseren Mitgliedern zusammenzurücken, als viele andere Sportarten das können. Lasst uns unsere Chancen nutzen statt über Risiken zu lamentieren.

Klicken und Blitzen!
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© Michael Woltmann