Rückzug aus dem DSB

Liebe Leser, hier finden Sie nun den Text eines Briefes von heute an die Präsidenten der Landesverbände im Deutschen Schachbund. Der Text enthält eine Begründung für meinen Rückzug.

Liebe Schachfreunde,

 

für viele überraschend habe ich vor wenigen Tagen meinen Rückzug aus dem Präsidium des Deutschen Schachbundes erklärt. Außerdem kündigte ich eine Begründung an, die ich hiermit nachreiche.

Zunächst aber muss ich mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass Sie von meinem Rückzug über Homepages oder Facebook erfahren haben. Ich hatte am 20.04. vormittags den Präsidenten und mittags den AKLV-Sprecher Achim Schmitt per E-Mail informiert. Abends sandte ich Achim Schmitt ein Schreiben mit der Bitte um Weiterleitung an Sie. Beide E-Mails hat er bekommen und an Herbert Bastian weitergeleitet Dieser leitete sie mir wiederum weiter und gab an, bereits mit Achim telefoniert zu haben. Warum mein Schreiben Sie nicht erreicht hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber eine Weiterleitung an den Präsidenten durch ihn war offensichtlich möglich.

 

Zur Sache:

In der Kongressbroschüre 2015 ist auf den Seiten 137 und 138 zu lesen, warum Vizepräsident Michael Langer sich aus dem Präsidium zurückzieht. Ich wiederhole diese Punkte zunächst teilweise:

 

- Ich halte den ohne Abstimmung in unseren Gremien aktuell eingeschlagenen Weg im internationalen Bereich für grundverkehrt und bin nicht mehr bereit, diesen mit zu verantworten.

- Ich fühlte mich durch die Vorgänge in Tromsö vorgeführt. Mit einiger Verzögerung ziehe ich hieraus u.a. eine Konsequenz und teile der FIDE mit, dass ich meine Aufgabe als „Member of the verification committee“ nicht wahrnehmen werde. Auf Wertungen werde ich in meinem Rückzugschreiben gegenüber der FIDE verzichten.

- In Sachen Strukturreform erlebte und erlebe ich ein Vorgehen des Präsidenten (in Abstimmung mit externen Ansprechpartnern), das ich nicht bereit bin, mitzutragen.

- Die Arbeitsatmosphäre im Präsidium, insbesondere die nicht stattfindende kooperative Führung und die Tatsache, dass nur in den seltensten Fällen überhaupt verbindliche Ergebnisse erzielt wurden, finde ich unerträglich.

 

 

Damit ist eigentlich bereits eine Menge gesagt. Ich möchte nur eine kleine Geschichte ergänzen, die Michael bislang nicht ausgepackt hat. Sie beschreibt aber das ganze Drama rund um die FIDE-Wahlen.

 

Bekannt dürfte bereits sein, dass im Präsidium niemand über Herberts Absicht informiert war, sich unter bestimmten Voraussetzungen zum Vizepräsidenten wählen zu lassen. Dieses Vorgehen wurde stattdessen mit „externen“ Beratern diskutiert. Namentlich bekannt sind mir Achim Schmitt und Uwe Pfenning. Im Vorfeld wurde von Herbert und auch anderen immer wieder die Frage unserer Loyalität gegenüber Herbert aufgeworfen, bis heute einer von Herberts am häufigsten erhobenen Vorwürfen.

Schauen wir uns also kurz an, wie illoyal der Michael war: In Tromsö nominierte Herbert Michael für das Verification Committee. Michael, vor Ort völlig überrumpelt von den Entwicklungen rund um Herberts Karriere bat Herbert, diese Nominierung zurückzuziehen. Herbert tat dies jedoch nicht und behauptet seither, das habe wohl irgendwie nicht geklappt mit der Streichung von der Liste. Mir und anderen erzählte er jedoch, Michael mit Absicht nicht gestrichen zu haben, damit ihm dieser aus der eigenen FIDE-Karriere nicht so leicht einen Vorwurf machen kann.

Michael aber hatte nun in Tromsö nur noch die Wahl sich entweder in sein Amt und Schicksal zu fügen oder vor der versammelten Schachwelt seinen Präsidenten bloßzustellen. Wirklich illoyal, dieses Verhalten.

 

Kommen wir zu einem weiteren Punkt in Michaels Liste: es fehlen verbindliche Ergebnisse. Ich möchte nur einige Beispiele anbringen, die die unfassbare Unfähigkeit des Präsidiums verdeutlichen, Alltagsprobleme zu lösen.

 

Da wäre zunächst die Posse um den Arbeitsvertrag des Bundestrainers, der nach Ablauf der 12-monatigen Befristung zunächst um 3 Monate verlängert werden musste, weil der Leistungssport über mehrere Monate nicht im Stande war, uns Unterlagen zur Erklärung des Mehrbedarfs an Trainerstunden zur Verfügung zu stellen. Dieser Vertrag lief dann Ende März erneut aus und wieder waren wir nicht fertig, weil plötzlich ein anderes Gehalt im Raume stand als vereinbart. Es wird jetzt ein (geringfügig) höheres Gehalt gezahlt als das Präsidium beschlossen hat, weil die Lohnbuchhaltung zum Stichtag April einen Betrag genannt bekommen musste. Also nochmal: Der Bundestrainer bekommt mehr Gehalt als das Präsidium beschlossen hat.

 

Dass Heike Quellmalz schwanger ist wissen wir glaube ich seit 5 Monaten (Nachtrag 27.04.: Seit Januar). Die Klärung der Frage wie sie vertreten werden soll ist Chefsache geworden. Ich hatte angeboten eine Klärung zu übernehmen, Herbert wollte es selbst machen. Und nach 5 Monaten ist nichts aber auch einfach gar nichts geklärt. In der letzten Woche hat Herbert die Sache dann in Angriff genommen und beklagt sich nach 3 Versuchen bei Mitarbeitern der Geschäftsstelle, dass er Heike nicht erreichen könne und wo diese denn schon wieder sei. Also noch mal: Er klagt bei Heikes Mitarbeitern über deren Chefin. (Nur am Rande: Heike hat derzeit mehr Arztbesuche als sonst. Ein erprobter Familienvater sollte das wissen. Und man kann doch nach 5 Monaten nicht mehr von einer überraschenden Entwicklung ausgehen, oder??)

 

18 Monate lang hat Herbert uns und andere mit einer Debatte über eine Strukturreform überzogen. Wir waren auch hier angeblich illoyal und haben Blockade betrieben. Die Mehrheitsmeinung ignorierend hat Herbert dann einen Landesverband gebeten, Anträge zu stellen. Im November in Verden versuchten wir - illoyal wie wir sind - einen gemeinsamen Weg der Kompromissfindung zu beschreiben. Herbert äußerte hier aber mehrmals den Standpunkt, keinen Kompromiss sondern eine Entscheidung des Kongresses anzustreben. Und nun? Wissen Sie, warum wir nicht darüber abstimmen? Ganz einfach: Herbert und der LV Baden haben es versäumt, vor Fristablauf einen abstimmungsfähigen Antrag vorzulegen.

 

Kommen wir noch kurz zu den Finanzen: In den kommenden Jahren wird die Liquiditätsrücklage aufgrund steigender Personalkosten arg abgeschmolzen. Wir brauchen das Personal in der Geschäftsstelle und natürlich brauchen wir auch Trainer. Ich bitte Sie daher dem Haushaltsplan zuzustimmen. Allerdings haben sowohl Herbert und auch Achim Gries hinter den Kulissen längst nach einer Erhöhung der Beiträge ab 2017 oder gar früher gerufen. Mehrfach wurde gesagt es müssten Fakten geschaffen werden, damit die Länder am Ende nicht mehr anders können als zuzustimmen.

Liebe Schachfreunde, ohne mich hier in Details zu verlieren: Es gibt im Haushalt erhebliches Einsparpotential im mittleren bis höheren 5-stelligen Bereich. Über zusätzliche Einnahmequellen habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Für beides gibt es ganz konkrete Vorschläge von Michael Langer, andere Vorschläge gibt es von mir. Lassen Sie sich nicht erzählen, dass Beitragserhöhungen die einzige Lösung wären. Zu diesem Themenkomplex werde ich zu gegebener Zeit weitere Informationen geben.

 

Im Interview bei Raymund Stolze beschreibt Herbert ganz am Schluss, sein wichtigstes Ziel für die nächste Legislatur sei das Lasker- und Jubiläumsjahr 2018 ( http://www.chess-international.de/Archive/37243#more-37243 ).

Das Dach ist undicht. Durch die Fenster zieht es. Die Wände sind feucht und das Fundament hat einen Riss. Aber der Hausherr pflegt den Rosengarten.

Ich habe immer gesagt, das Laskerjahr könnte eine Bereicherung sein. Aber man muss das halt nebenher machen. Wir können doch nicht allen ernstes alle anderen Probleme wie Mitgliederschwund, Funktionärsmangel, Finanzen etc. (siehe hierzu meinen Bericht in der Kongressbroschüre) links liegen lassen und uns jetzt wieder nur mit Symbolpolitik beschäftigen (das machen wir ja schon beim Frauenschach, aber auch das ist ein anderes Thema...). Herbert sagte jetzt mehrfach öffentlich, er wünsche sich ein Turnier mit Kasparov, Karpov, Yifan Hou, Carlsen etc.. Wie kann man durch die Gegend rennen und ohne auch nur den Hauch einer Vorstellung davon, wie man das finanzieren sollte solche Erwartungen wecken?? Und selbst wenn man die Mittel dafür auftreiben könnte, haben wir dann nicht andere Sorgen?

Wir haben ein tolles Konzept mit den German Masters, wir haben tolle Partner in Dortmund. Geht da nicht was zu Ehren Laskers? Und könnten wir vielleicht endlich mal eine vernünftige Lösung für die Deutsche Meisterschaft finden statt uns öffentlich Fantasien und Träumen hinzugeben?

 

Ich könnte diese Liste lange ergänzen. Aber ich denke, Sie haben verstanden wo das Problem liegt:

 

Herbert ist ein fantasievoller Mensch und investiert sehr viel Energie. Aber Herbert ist keiner, der Prozesse lenken und zu Ergebnissen führen kann. Und in Sachen Personalkosten und Führung haben wir bei ersterem Vorstellungen wie im Berufsbeamtentum und bei der Führung Vorstellungen aus längst vergangenen Bundeswehrzeiten. Eine eigene Meinung zu haben kann nicht illoyal sein. Entscheidend ist der Umgang damit und miteinander.

 

 

Wieso habe ich nicht früher die Reißleine gezogen?

 

Lange Zeit hatte ich die Hoffnung, dass das mit Herbert an der Spitze, mir und Ralph Chadt-Rausch gehen könnte. Ich hatte nach nicht einmal 2 Jahren im Amt einfach noch nicht das Gefühl, fertig zu sein. Und außerdem (und das ist mir wichtig): mir machte mein Job wahnsinnig viel Spaß.

Und wann hätte ich gehen sollen? Als Herbert die außenpolitische Tradition des DSB für einen Posten verkauft hat (nein, nicht für Geld. Das glaube ich nicht!)? Oder als wir gleichzeitig Strukturreform und BMI auf dem Zettel hatten? Aus Gründen der Loyalität und der Situation völlig undenkbar. Im Februar, als Michael endlich die Nase voll hatte? Da hätte jeder von einem abgekarteten Spiel gesprochen.

Und warum jetzt? Weil ich die Schwerpunktsetzung „Laskerjahr“ nicht mittrage. Weil ich die perspektivische Mittelverwendung nicht mittrage. Weil ich die erneute Verschiebung der Schwerpunktsetzung zum Leistungssport (mehr Trainerstunden) zwar für gangbar, aber ohne Befragung des Kongresses für undemokratisch halte. Und zu guter letzt: Weil ich Herbert jedwede Kompetenz in der Personalführung abspreche und er nicht in der Lage ist, wichtiges von unwichtigem zu unterscheiden und mit entsprechenden Schwerpunkten Lösungen zu erarbeiten.

 

Das wäre es für heute. Fortsetzungen sind wahrscheinlich. 

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© Michael Woltmann