Spielerwahl 2014

Deutsche Schachmeisterschaft 2014

An der Suche nach einem Spieler des Jahres versuchen sich immer wieder alle möglichen Menschen aus immer unterschiedlichen Gründen. Das russische Schachmagazin 64 befragt z.B. jedes Jahr Schachjournalisten weltweit nach ihren Einschätzungen und lässt sie eine Rangliste ihrer persönlichen Favoriten erstellen. Regelmäßig dabei ist aus Deutschland IM Stefan Löffler, der seine Ergebnisse traditionell hier veröffentlicht.

 

Auch DSB-Sponsor und Schachsoftware-Gigant ChessBase ist auf der Suche nach dem Spieler des Jahres, siehe hier. Dort kann der Leser abstimmen und öffentlich diskutieren.

Nun, mich hat zwar keiner gefragt, dennoch möchte ich mich mal an einer Rangliste meiner ganz persönlichen Top Ten versuchen.

 

1. Carlsen

Wenig überraschend wähle ich den Weltmeister auf Platz 1. Bis vor der gerade beendeten WM war ich kein Carlsen-Fan. Die meisten seiner Partien finde ich (möglicherweise meinem schachlichen Unvermögen geschuldet) gähnend langweilig. Für mich machte es immer den Eindruck, er wickle in eine Endspielstellung ab und wartet dann (mit sehr präzisen Zügen) darauf, dass sein Gegener einen Fehler macht. Oft genug klappt das ja auch.

In Sotchi zeigte er aber auch (wieder?) eine andere Seite, was sicher auch an der Partieanlage seines Herausforderers Anand lag. Außerdem muß ich anerkennen, dass er für das Schach durch seinen Umgang mit den Medien Großes vollbringt. Zum ersten Mal zog er mich in seinen Bann. Und als dann noch ein Foto von der WM mit einem Schachbrett drauf auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung erschien, hatte er mich endlich gepackt.

Seit Ende 2014 bin ich Carlsen-Fan. Danke Magnus!

 

2. Caruana

Ich schätze Turniere, die einfach gut präsentiert werden und zum Mitdenken anregen. Sponsor Rex Sinquefield schafft in St. Louis beides. Mitdenken musste man bei der diesjährigen Auflage dann, wenn man die Bezeichnung als stärkstes Turnier aller Zeiten hinterfragen wollte. Ich tat es und bin mir nicht ganz sicher, ob man ihn damit durchkommen lassen muss. Nach Elo-Schnitt aber gibt es nicht viel zu diskutieren.

Und dann kam diese unglaubliche Serie des Fabiano Caruana mit 7 Punkten aus 7 Runden und am Ende 8,5 aus 10. Ich bin mit Superlativen sparsam, aber das war gigantisch. Er hatte am Ende 3 Punkte Vorsprung auf den Weltmeister und in dem doppelrundigen Turnier jeden Teilnehmer mindestens einmal besiegt.

 

3. Grischuk

Welche Turniere mag ich noch? Memorials jeder Art. Das Petrosian Memorial ersetzte in diesem Jahr das Tal-Memorial. Die Namen der Weltmeister, denen hier gedacht wird schreibt man sehr typische Spielweisen zu. Tal, der Zauberer oder Hexer aus Riga opferte gerne fröhlich irgendwo rein. Solche Partien mag ich sehr. Petrosian wird indes wegen seiner Verteidgungskünste und seinem Stellungsspiel gelobt – also eher nicht meine Welt. Alexander Grischuk aber gewann das Petrosian-Memorial im Stile Tals und katapultierte sich erstmals über die Marke von 2800 Elo.

 

4. Naiditsch

Arkadij Naiditsch ist der stärkste Spieler mit deutschem Pass. Bei der Olympiade in Tromsö besiegte er Weltmeister Carlsen und verhalf dem deutschen Schach damit auch zu etwas Medienpräsenz. Außerdem gewann er die Grenke Chess Classics 2014. In diesem Turnier wurden 8 der besten Spieler Deutschlands aufeinander losgelassen. Seinen Nummer 1 Status in Deutschland hat Arkadij damit deutlich unterstrichen.

 

5. Pähtz

Elisabeth Pähtz organisierte mit ihrer Familie zunächst ein starkes Frauenturnier in Erfurt, spielte eine starke Olympiade und gewann das German Masters der Frauen überlegen. Zum Jahreswechsel besiegte sie in einem tollen Zweikampf Anne Haast aus den Niederlanden. Ein ganz starkes Jahr von Deutschlands Nummer 1 der Frauen.

 

6. Müller

Jetzt kommen wir langsam nach Bremen. Auch hier gibt es Spieler, die sich gezeigt haben und zumindest meine Hochachtung verdienen.

Oliver Müller wurde in diesem Jahr Vize-Weltmeister der Blinden und Sehbehinderten. Da muss man nicht diskutieren: Hut ab! Glückwunsch! Weiter so!

 

7. Kollars

Dmitrij Kollars vom Delmenhorster SK nahm an der Deutschen Einzelmeisterschaft in Verden teil. Dieses Turnier richtete der Niedersächsische Schachverband gemeinsam mit dem Landesschachbund Bremen aus. An dieser Kooperation war ich nicht ganz unschuldig. All die Mühen - all die Risiken, die von den Organisatoren eingegangen wurden – all das hat sich gelohnt. Denn die erzielte IM-Norm nimmt ihm keiner mehr. Er durfte über einen Freiplatz teilnehmen und hat uns und hoffentlich sich selbst mit dieser Norm eine große Freude gemacht. Lieber Dmitrij, ich wünsche Dir für Deinen weiteren schachlichen Werdegang viel Erfolg mit Ausnahme der Partien, die Du gegen die Bremer SG spielst!:-)

 

8. Blübaum

Matthias Blübaum absolviert gerade ein vom Deutschen Schachbund gefördertes Schachjahr. Nach Beendigung seiner Schullaufbahn schiebt er dieses Jahr ein, bevor er ein Studium aufnimmt. Ziel war der Titel des Großmeisters sowie eine Elo-Zahl von 2600. Das erste Ziel ist erreicht und seine Elozahl hat Matthias schon deutlich gesteigert. Sie liegt mittlerweile bei 2560.

 

9. Buchal

FM Stephan Buchal war 2014 Bremer Seniorenmeister und Bremer Pokalsieger. Ich freue mich, dass ein Spieler seiner Spielstärke an den regionalen Turnieren teilnimmt und so auch die Organisatoren für ihren Einsatz belohnt.

 

10. Hundack

Auch Rolf Hundack von der Bremer Schachgesellschaft hat an der DEM in Verden teilgenommen. Er hat ein starkes Turnier gespielt. Seine Teilnahme stand dabei auf buchstäblich wackeligen Beinen, denn einen Teil eines solchen Beines brach er sich bei einem Fahrradunfall kurz vor dem Turnier. Die eigene Anreise mit dem PKW oder der Deutschen Bahn viel mithin aus. Und jetzt passierte folgendes: Statt seine Teilnahme absagen zu müssen, konnte sich Rolf auf seinen Verein verlassen. Unterschiedliche Mitglieder organisierten einen Fahrdienst für jeden einzelnen Tag, Hin- und Rückweg! Ein tolles Zeichen der Zusammengehörigkeit und gelebten Solidarität im Verein. Rolf steht hier also auch stellvertretend für das, was einen Verein ausmacht!

 

 

Sie sehen, meine Auswahl versucht gar nicht erst, objektiv zu sein. Das wäre mir auch das Schreiben nicht wert gewesen. Auch andere Spieler habe ich 2014 besonders beobachtet. GM Topalov reizt mich z.B. wegen seiner Spielweise sehr. Auch Kramnik ist immer eine Zeile wert. Der Deutsche Meister Daniel Fridman hat ein starkes Jahr gehabt. Alexander Donchenko ist auch so eine Entdeckung des ausgehenden Jahres 2014.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Michael Woltmann